Bonnie und Clyde in der hessischen Provinz: „Von Jetzt an kein Zurück“

Sommer ’68 in der hessischen Provinz. Drei Jugendliche, ein See und eine Vespa. Robert liebt Ruby, und Ruby liebt Robert. Roberts bester Freund hat sich ebenfalls in Ruby verguckt. Nachts auf einer Wiese experimentieren die drei mit Fliegenpilzen. Irgendwann fallen sie sich alle in die Arme. Kurze Zeit später bricht für Robert und Ruby die Welt zusammen. Die beiden Außenseiter kämpfen schwer mit dem engen Korsett an Konventionen, in das Familie und Gesellschaft sie zwängen wollen.

Robert kommt aus einem schwierigen familiären Umfeld: Eine Mutter gibt es nicht, der Vater war im Krieg und leidet seitdem an psychischen Problemen. Er ist arbeitslos, nimmt oft Drogen und kann seine Aggressionen nur schwer kontrollieren. Zum Haushalt gehört noch eine geistig umnachtete Großmutter, die dauernd abhaut. Rosy hingegen leidet unter einem autoritären, gewalttätigen Vater. Fast täglich werden sie und ihre jüngere Schwester geschlagen. Die ohnmächtige Mutter ist die Komplizin ihres Mannes. Beide Elternteile sind streng religiös und konservativ. Der Vater zwingt Rosy, nach der mittleren Reife die Schule zu verlassen, um Geld zu verdienen. Er denkt an etwas “Seriöses”. Gegen den Willen ihres Vaters sucht sich Ruby einen Job in einem Plattenladen, schwärmt für die Stones und trägt Miniröcke. Dafür kassiert sie noch mehr Prügel. Robert hat mehr Glück. Er darf das Gymnasium besuchen und ist Klassenbester. Allerdings hat er Probleme sich anzupassen und provoziert seine Lehrer mit revolutionären, systemkritischen Aufsätzen. Schließlich wird er von der Schule verwiesen.

Rosy und Robert hauen auf einer Vespa ab. Sie wollen nach Berlin. Allerdings endet die Fahrt abrupt nach wenigen Kilometern, als sie mit einem Laster zusammenstoßen. Beide werden in Umerziehungsheime gesteckt. Rosy ist der bigotten “Barmherzigkeit” von Nonnen ausgeliefert (das Heim nennt sich “Die barmherzigen Schwestern”). Sie wird psychisch und physisch gequält. Mal zwingt die Oberschwester sie, ihr Erbrochenes zu sich zu nehmen, mal wird sie, mit gefesselten Händen, stundenlang in einem Schuppen eingeschlossen, bis sie den Aufenthaltsort ihrer geflohenen Freundin preisgibt. Auch Robert wird Oper körperlicher Gewalt. Unter Aufsicht eines Lehrers schlagen ihn seine Mitschüler bewusstlos, weil er angeblich zu langsam gearbeitet hat. Die Nahrung wird ihm entzogen, seinem Vater verweigert man das Besuchsrecht. Dann muss er auch noch beobachten, wie sein Freund von einem älteren Schüler erpresst und sexuell missbraucht wird.

Irgendwann hat das Grauen ein Ende, und Robert und Rosy werden entlassen. Doch die Wunden sind zu tief. Rosy flüchtet nach Hamburg, wo sie sich als Schlagersängerin versucht. Sie wird alkoholabhängig und landet im Rotlichtmilieu. Robert schließt sich einer terroristischen Vereinigung an. Ein paar Jahre später sehen die beiden sich wieder. Robert nimmt sich am Tag darauf das Leben.

Regisseur Christian Frosch ist es gelungen, die Spannung den fast zwei Stunden dauernden Film über konstant aufrechtzuerhalten. Er nutzt das vermeintlich unbeschwerte Lebensgefühl der 68-er Generation als Kontrastmittel für die brutale Realität seiner beiden Protagonisten. Alle Szenen wurden in Schwarz-Weiß gedreht. Bis auf die Schlussszene, in der wir Ruby bei einem Auftritt als Revue-Sängerin erleben. Ruby ist zu einer Schaustellerin ihres eigenen Lebens geschrumpft. Als sie auf der Bühne einen Moment lang den Text ihres Lieds vergisst, bricht der Gesang – auch ohne ihre Stimme – nicht ab. Auch ihre Haare sind nicht echt. Sobald sie die Bühne verlässt, reißt sie sich die Perücke vom Kopf. Ihr Kummer bleibt. „Von Jetzt an kein Zurück“ kennt nur Verlierer. Er zeichnet ein überaus düsteres Bild der Welt. Die beeindruckende Darbietung der Schauspieler Victoria Schulz und Anton Spieker macht den Film dennoch absolut sehenswert.

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