Donne e Mafia: Mütter und Töchter der organisierten Kriminalität

di Lea Hensen

Zum elften Mal organisierte das Institut für Romanistik der Humboldt Universität zu Berlin am Mittwoch, dem 10. Dezember, den Giornata della Cultura italiana, Dies Italicus. Unter dem Titel „Colori di Sicilia“ widmete sich die Veranstaltung großen Themen rund um Sizilien. Selbstverständlich durfte ein Schlagwort dabei nicht fehlen: la Mafia.

In Zusammenarbeit mit Mafia? Nein danke!, deutsche Antimafia-Initiative und Partnerorganisation von Libera, präsentierte Dr. Ombretta Ingrascì ein Thema, das häufig unterschätzt wird: Le donne e la mafia: della partecipazione al pentitismo – „Frauen in der Mafia, und ihre Zusammenarbeit mit der Justiz“. Die Diskussion um die Rolle der Frau in der Mafia ist keineswegs neu. Dennoch bleibt sie meist Stereotypen und Vorurteilen verhaftet, die einer angemessenen Sichtweise auf die Problematik im Wege stehen.

Eine Frau, hineingeboren in das per Definition maskuline System des Mafia-Clans – welche Aufgaben übernimmt sie, welche Schwierigkeiten durchkreuzen ihr Leben? Unser Bild des Lady Boss, der Mafiosi-Frau, bleibt unterwandert von der Vorstellung, dass Frauen in der Hierarchie des Clans an unterster Stelle stehen oder gar ausgeschlossen werden. Ingrascì korrigiert: „Seit den sechziger Jahren übernehmen Frauen in der Mafia auch kriminelle Aktivitäten, vor allem im Drogenhandel: als Dealerin, Mittelsperson oder Kurier. Sie werden weniger schnell verdächtigt.“ Die weibliche Emanzipation in der Mafia, es gibt sie: Giusy Vitale aus Partinico in der Provinz Palermo übernimmt nach der Inhaftierung ihrer Brüder 1998 die Führung eines ganzen Cosa Nostra-Clans. Ein weibliches Clan-Mitglied übernimmt zahlreiche praktische Rollen: etwa als Vermittler und Bindeglied zwischen inhaftierten Mitgliedern und dem Clan. Als Ehefrau erinnert sie an die Notwendigkeit des Racheakts und bereinigt den Namen der Familie, als Mutter begleitet sie die Kinder auf den Weg in die organisierte Kriminalität. Und natürlich erfüllt die Frau für den Clan ihre traditionell passive Funktion: mit einer Heirat können Verbindungen zu anderen Clans oder gar ein Friedensabkommen nach einer Fehde geknüpft werden.

Und doch: immer wieder gibt es Frauen, die sich als pentite – Kronzeuginnen – für eine Zusammenarbeit mit der Polizei entscheiden. Nicht selten seien es Mütter, die aus Sorge um die eigenen Kinder handeln, so Ingrascì. Giusy Vitale war eine von ihnen, eine andere Lea Garofalo, die für ihre Kooperation mit dem Staat mit dem Leben bezahlte. Besonders tragisches Schicksal das der nur 17-jährigen Rita Atria aus dem sizilianischen Partanna, Tochter eines Cosa-Nostra-Mitglieds: Anfang der 90er vertraut sie sich dem Anti-Mafia-Staatsanwalt Paolo Borsellino an, wird von ihrer Familie verstoßen und ins Zeugenschutzprogramm gestellt. Nach der Ermordung des Staatsanwalts 1992 nimmt sich das Mädchen aus Verzweiflung das Leben.

Die Zahl der weiblichen Informanten steige vor allem in der Region Kalabrien, Einflussgebiet der ’Ndranghetta. Ingrascì betonte, wie wichtig der innovative und effiziente Ansatz einer Zusammenarbeit zwischen Antimafia-Aufklärung und universitärer Einrichtung sei. Ihre Forschungstätigkeit im Bereich Donne e Mafia hat das Mitglied der Anti-Mafia-Kommission Milano in die Publikation “Donne d’onore, storie di mafia al femminile” (Mondadori, 2007) einfließen lassen. Ihr neues Buch “Confessioni di un padre. Il pentito Emilio di Giovine racconta la ’Ndrangheta alla figlia” beschreibt das Brief-Geständnis eines ’Ndrangheta-Kronzeugen an die eigene Tochter. Es wurde im Anschluss an die Veranstaltung in der italienischen Buchhandlung Mondolibro in Mitte vorgestellt.

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