Morning Gloryville Party in Berlin. Früh aufstehen ist das neue Durchmachen

Das Schrillen des Weckers (genauer gesagt aller drei Wecker) fährt mir wie eine Kreissäge durch den Schädel. Es ist fünf Uhr früh an einem Mittwochmorgen, mitten im tiefsten Berliner Winter, der selten mit Plusgraden aufwartet. Warum um Himmels Willen habe ich mir das bloß angetan?! Nach der ersten Tasse Kaffee kommt die Erinnerung zurück: Mit zwei Freundinnen will ich testen, wie es sich anfühlt, dann zu feiern, wenn 98% der Nation noch schlafen.

Müde Großstädter mutieren vor Sonnenaufgang zu Paradiesvögeln

Bereits zum dritten Mal findet der Morning Gloryville Rave in Berlin statt. In Barcelona, Brighton und Bangalore ist er längst ein etabliertes Event im Kalender feierwütiger Großstädter. In Berlin haben sich die Veranstalter für das RAW-Gelände als Austragungsort entschieden. Wo bis 1995 noch Eisenbahnwaggons ausgebessert wurden, tobt sich heute die autonome kreative Szene aus. Ein Kletterverein, ein Freiluftkino und mehrere Nachtclubs (darunter der legendäre Suicide Circus) teilen sich die 70.000 Quadratmeter große Fläche mit einer Skaterhalle, einem Tangoclub und einer Mehrzweckhalle, in der am Wochenende ein überteuerter Food Market stattfindet. Dieses Frühjahr soll außerdem der Outdoor-Garten „Haubentaucher“ mit einem 220 Quadratmeter messenden Swimmingpool und (noch mehr) Tanzflächen folgen. Die Gentrifizierung macht auch vor Friedrichshain nicht Halt.

Berliner Mischung: Drogendealer trifft auf Büroangestellten-Armee

Noch ist von Schickimicki jedoch keine Spur. Ein Hauch von Anarchie weht über das Gelände. Die Finsternis des Nachthimmels wird vom Blaulicht eines Streifenwagens durchbrochen. Mal wieder ist ein Drogendealer festgenommen worden – gehört hier quasi zum Tagesgeschäft. Die Mehrzweckhalle ist noch abgeschlossen, leise Beats zeugen jedoch von Leben. Vor dem Zaun am Eingang hat sich bereits eine kleine Schlange gebildet. Erwartungsvolle und müde Gesichter halten sich die Waage. Gesprochen wird noch nicht viel – wem kann man es verübeln um diese unchristliche Zeit?! Pünktlich um 6.30h beginnt der Einlass (Bürohengste, deren Chefs nichts vom Doppelleben ihrer Angestellten erfahren dürfen, lassen sich den Einlasstempel „Guten Morgen!“ nicht auf den Handrücken, sondern auf den Unterarm aufdrücken). Zwei blonde Schönheiten mit schwarzen Spitzenbodies und Strasssteinen auf der Stein üben den Sonnengruß. Wenig später werden sie um Mittäter werben: Zehn Yogamatten sind in einem Kreis direkt hinter der Tanzfläche ausgerollt. Am anderen Ende des Saals werden Gratismassagen angeboten.

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Lunapark für nicht altern wollende Mittdreißiger

Erst einmal müssen wir jedoch unsere dicke Winterkleidung loswerden. An der Garderobe lauert die erste Überraschung: Nicht, dass Frühaufstehen und Partymachen vor der Arbeit nicht schon gereicht hätten an Verrücktheit. Die meisten Gäste sind dazu auch noch auffällig gekleidet. Hinter mir in der Schlange steht Johann, ein Graphikdesigner aus Niederösterreich. Als er seinen unauffälligen marineblauen Anorak öffnet, kommt ein mit weißen Federn gespicktes Kostüm zum Vorschein. Um seine Taille hat er sich eine grün-rot blinkende Lichterkette gewickelt – er leuchtet wie ein Weihnachtsbaum! Felix und Christian, beide in der Filmbranche tätig, sind im Partnerlook aufgetaucht: Sie tragen Leggings und ein neonfarbenes Oberteil im Fischernetzstil (der eine in grün, der andere in gelb); auf dem Kopf haben sie beide eine Hundemaske mit langen Schlappohren.

Drogen sind strikt verboten; die Beats reichen als Aufputschmittel

Die Garderobenschlange geht direkt über in die Kaffeeschlange. Der Kaffee schmeckt ordentlich und ist bezahlbar (ab 2,20€). Wer Vitamine braucht, kann einen Smoothie bestellen – dieser schlägt jedoch mit 4,50€ zu Buche. Rauchen ist strikt verboten, von anderen Drogen ganz zu schweigen. Das hier anwesende Partyvolk scheint derartige Aufputschmittel gar nicht nötig zu haben: Die Musik ist das Stimulans, das den Puls in die Höhe treibt, das Bedürfnis nach Schlaf vertreibt und auf auffallend viele Gesichter ein breites (um diese Tageszeit fast unsympathisches) Grinsen zaubert.

Ein Clown am Mischpult

Los geht es mit einer als Clown verkleideten DJane, die dem Publikum derartig einheizt, dass die Tanzfläche bereits kurz nach sieben brechend voll ist. Getanzt wird in einer Art Zirkuszelt. Girlanden krönen die Häupter der Tanzenden, und eine Discokugel sorgt für bunte Lichtreflexe. Aufgelegt wird Elektro mit hoch frequenten Beats, die durch eingespielte, mitsingbare Party-Dauerbrenner unterbrochen werden. Spätestens als der Refrain von „I can’t wait for the weekend to begin“ ertönt, ist auch die letzte Schlafmütze auf der Tanzfläche. Fest steht: Wer sich zu Morning Gloryville so früh aus dem Bett quält, kommt um zu tanzen! Sogar die mittelalten Smoothie-Trinker mit Jackett zieht es irgendwann auf die Tanzfläche. Es wird weder gebaggert noch gelästert. Was zählt, ist die Musik. Punkt.

Jung, cool und trendy: Der Hipster feiert vor allem sich selbst

Die nächsten dreieinhalb Stunden wird das Zirkuszelt in Ekstase vibrieren. Die Meute jubelt den wechselnden DJs zu, als wären sie Heilige. Ich frage mich: Ist Tanz eine Art Ersatzreligion der gehätschelten wie gepeinigten Generation Y geworden? Akrobaten vervielfachen den Zauber: Asketisch anmutende Herren mit Leopardenleggings und großen schwarzen Tellerohrringen heben Mädchen mit langen Zottelhaaren und Blumenkränzen in die Luft. Zum Personal gehörende Vortänzer mit Pyjama und Kuscheltier auf dem Arm heizen auf Podesten die Stimmung an. Wir nicht bei drei ebenfalls auf einem Podest ist, bekommt von feenartigen Wesen Schnurrhaare aus Glitzerstaub auf das Gesicht gemalt. Seifenblasen nähern sich der Discokugel; Selfiesticks wackeln im Takt.

Runter von der Tanzfläche, rein ins Büro

Gegen zehn Uhr leert sich die Tanzfläche allmählich. Die Büroangestellten haben sich schon viel früher auf den Weg zurück zur S-Bahn gemacht. Jetzt sind nur noch Freiberufler (also halb Berlin), Studenten und Arbeitslose am Feiern. Beim Herausgehen glaube ich, eine Mutter mit Säugling direkt vor dem DJ-Pult erblickt zu haben. Ich muss mich irren, drehe mich aus Neugier aber noch einmal um – und siehe da: Die Tanzende hat tatsächlich ein circa zwei Monate altes Würmchen auf dem Arm. Immerhin hat sie ihm einen Gehörschutz aufgesetzt. Ob die quietschpinken Kopfhörer die aggressiven Beats vom empfindlichen Gehör des neuen Erdenbürgers wirklich abzuschirmen vermögen, wage ich zu bezweifeln – allerdings schlummert er selig auf dem Arm der wie wild tanzenden Mutter. Im Stillen denke ich mir allerdings: verkehrte Welt…

Das Tageslicht tötet (fast) jeden Zauber

Beim Rausgehen schlägt mir mit aller Wucht das mittlerweile grelle Tageslicht entgegen. Konfetti klebt mir im Haar, und ich stolpere benommen der S-Bahn entgegen. Etwas surreal das Ganze: Ich fühle mich, als hätte ich gerade das Set eines Fellini-Films verlassen. Da wirkt es sehr wohltuend, fünf Bauarbeitern dabei zuzusehen, wie sie sich auf einem Geländer sitzend eine Leberkäsesemmel in den Mund schieben. Die Bodenhaftung kehrt zurück. Für mein grelles Outfit, meinen müden Blick und meine unsicheren Schritte haben sie sicher nur Verachtung übrig. Einer schüttelt jedoch lachend den Kopf: „Wieder ma durchgemacht, junge Lady, wa?!“ Ihm das Konzept der Morning Gloryville zu erklären, ist mir jetzt bei weitem zu kompliziert. Ich ziehe meine Mütze, verbeuge mich und tänzle in Richtung Warschauer Brücke. Das Grinsen will (trotz heftiger Müdigkeitsschübe) den ganzen Tag über nicht von meinem Gesicht weichen.

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