Nackt reicht nicht – Sebastian Hartmann inszeniert “Woyzeck” am Deutschen Theater Berlin

Nackte Darsteller machen eine Inszenierung noch nicht sehenswert. Vor allem ein Berliner Publikum kommentiert entblößte Leiber lediglich mit einem Gähnen. Sebastian Hartmann geht am Deutschen Theater mit seiner Inszenierung von Georg Büchners 1879 erschienenem Sozialdrama nun einen Schritt weiter: Sein männlicher Hauptdarsteller Benjamin Lillie schleudert minutenlang sein Geschlechtsteil gegen die Wand. Um dieser Szene über einen Aha-Effekt hinaus etwas abgewinnen zu können, muss man den Kontext kennen: Woyzeck, ein verarmter Soldat, stellt sich einem Arzt für medizinische Versuche zur Verfügung, um für seine Geliebte Marie und ihr gemeinsames uneheliches Kind etwas Geld zu verdienen. Die Versuche bestehen darin, dass Woyzeck monatelang nichts anderes als Erbsenpüree zu sich nimmt. Büchner greift eine wahre Begebenheit auf: Im Vordergrund stand die Frage, ob die Ernährung von Soldaten nicht auch wesentlich kostengünstiger (unter Verzicht auf Fleisch) erfolgen konnte. In der beschriebenen Szene fordert der Arzt Woyzeck auf, Wasser zu lassen. Dies gelingt Woyzeck nicht. Der Arzt demütigt ihn, Woyzeck reagiert verzweifelt-hysterisch.

Das wilde Geschlackere von Lillies Geschlechtsteil, untermalt von dessen lauten Schreien und panischem Rumgehüpfe, lässt eingedöste Zuschauer wieder aufwachen –  die Szene gehört eindeutig zu den interessanteren. Sehr schnell verpufft die Spannung allerdings wieder. Nackt reich noch nicht. Das Hauptproblem bei Hartmanns Inszenierung ist ihre Unverständlichkeit. Zuschauer, die Büchners Text nicht kennen, sind vollkommen verloren. Doch auch das textkundige Publikum dürfte verwirrt sein. Hartmann hat die Zahl an Charakteren radikal auf die zwei Hauptfiguren heruntergekürzt. Neben dem Woyzeck spielenden Lillie steht nur noch Katrin Wichmann in der Rolle der Marie auf der Bühne. Beide rezitieren die Passagen weiterer Charaktere gleich mit. Das macht es noch schwerer, dem sowieso schon stark chiffrierten Inhalt zu folgen. Doch Hartmann geht noch weiter. Er habe sich bei Woyzeck für eine Art der freien Regie entschieden, schreibt er im Programmheft. Das bedeutet, dass Marie und Woyzeck keine fest begrenzten Rollen innehaben. Beide Schauspieler hätten jeweils den kompletten Text auswendig gelernt, erklärt Hartmann. Bei jeder Inszenierung entschieden sie spontan, wer nun welche Passage aufsagt.

Hartmanns Konzept ist als solches durchaus interessant: zerfließende Identitäten bei Liebenden, die (durchaus gewollte) Auflösung des Ichs, das Aufgehen in einer neuen, weniger isolierten Identität. Man denkt dabei an Platons Mythos der Kugelmenschen. Nur leider funktioniert Hartmanns Idee in der Praxis nicht. Die Bedeutung des Gezeigten ist derart schwer zu erfassen, dass man sich relativ schnell – Nacktheit hin oder her – innerlich verabschiedet. Wenn man im Theater in Gedanken seine Einkaufsliste schreibt, ist etwas gehörig schief gelaufen. So vergehen die zwei Stunden von Hartmanns Inszenierung nur langsam. Der Graben zur erzählten Welt ist zu groß und deutlich sichtbar.

Wer bis zur Hälfte bleibt – einige verlassen vorher den Saal – wird (zumindest für kurze Zeit) belohnt. Hartmann, der auch das Bühnenbild gestaltet hat, überrascht das Publikum mit einer multimedialen Performance. Die vorher eher schlichte Bühne (schwarz ausgekleidet, trichterförmig zum Publikum hin geöffnet und mit leichter Schräglage) dreht sich plötzlich und gibt den Blick auf eine Art Zauberwelt frei. Die düsteren Töne sind neonfarbenen gewichen, die Kargheit des Bühnenbildes wird nun durch das saftige Grün zahlreicher Pflanzen ersetzt, und die schwer verständlichen Dialogsequenzen von Marie und Woyzeck werden durch das überraschend anmutige Spiel einer E-Gitarre unterbrochen. Der Künstler Christoph Maecki Hartmann sitzt mit auf der Bühne und ist selbst Teil der Installation. Woyzeck und Marie gehen hinter den Schlingpflanzen baden. Hartmann nimmt dabei Bezug auf die Szene, in der Woyzeck Marie aus Eifersucht in einem See ersticht.

Es ist bedauerlich, dass Hartmann den Inhalt auf das Verhältnis zwischen den Liebenden reduziert hat. Auf die sozialkritischen Aspekte habe er bewusst verzichtet, so Hartmann. Dass ein Regisseur einen Text frei auslegt, ist an sich noch kein Problem, im Gegenteil. Die Beziehung zwischen Woyzeck und Marie losgelöst von ihrem Kontext zu erzählen, greift jedoch eindeutig zu kurz. Die Liebe im luftleeren Raum hat hier keinen Bestand. Ein Großteil der Dynamik im komplizierten Beziehungsgeflecht der beiden Figuren kommt erst durch äußere Umstände zu Stande. All diese Fäden zu kappen und den Menschen auf sein Innerstes zu reduzieren, führt zu einem völlig neuen Stück, das mit dem Original, vom Namen der Hauptperson einmal abgesehen, eigentlich nichts mehr gemein hat. So etwas kann man ruhig machen, allerdings sollte man die Zuschauer im Vorfeld darauf hinweisen. Für (böse) Überraschungen bringt das vielbeschäftigte Publikum heutzutage nicht mehr unbedingt die nötige Geduld auf.

“Woyzeck” am Deutschen Theater Berlin:

Premiere am 3. Oktober 2014

Regie Sebastian Hartmann

Bühne Sebastian Hartmann

Kostüme Adriana Braga Peretzki

Musik Ch. ‘Mäcki’ Hamann

Video Voxi Bärenklau

Dramaturgie Juliane Koepp

Besetzung Benjamin Lillie, Katrin Wichmann

Weitere Termine:

07. Mai 2015, 20.00 – 21.50 Uhr, C-Preise Karten

30. Juni 2015, 20.00 – 21.50 Uhr, C-Preise

 

Photo (C) Arno Declair

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