Von korrupten Politikern und fehlbaren Journalisten: „Die Lügen der Sieger“

Wer beeinflusst eigentlich wen: die Medien die Politik oder umgekehrt? Dieser Frage hat der Regisseur Christoph Hochhäusler den fast zweistündigen Film „Die Lügen der Sieger“ gewidmet. Herausgekommen ist ein spannender Thriller, in dem es gleich mehrere Tote gibt.

Im Mittelpunkt steht der junge Reporter Fabian. Für das Nachrichtenmagazin „Die Woche“ (eng angelehnt am „Spiegel“) ist er auf der Suche nach einem Skandal. Davon findet er gleich mehrere – bei der Bundeswehr, in der Müllentsorgung und in der Politik. Und alle hängen sie miteinander zusammen. Fabians Aufmerksamkeit weckt der rätselhafte Selbstmord eines ehemaligen Bundeswehrsoldaten, der sich bei einem Zoobesuch in den Löwenkäfig fallen ließ. Fabian bekommt heraus, dass der Mann in Afghanistan stationiert war, wo er psychische Auffälligkeiten erkennen ließ. Um negative Konsequenzen zu vermeiden, soll ihn die Bundeswehr frühzeitig aus dem Dienst entlassen und ihm eine neue Stelle in einem Müllentsorgungsunternehmen vermittelt haben. Dort soll er – unter Umgehung aller gängigen Arbeitsplatzvorschriften – mit Schadstoffen in Berührung gekommen sein, die im Verdacht stehen, psychische Störungen auszulösen. Was ihn nun krank gemacht hat, ist unklar: sein Bundeswehreinsatz oder die darauffolgende Tätigkeit. Die Obduktion seines Leichnams wird unter rätselhaften Umständen frühzeitig abgebrochen, Dokumente werden vernichtet, Zeugen verschwinden. Ein Kollege des Mannes soll Ähnliches erlebt haben.

Für Reporter Fabian eine Goldgrube. Zusammen mit der Volontärin Nadja ermittelt er und riskiert dabei selbst sein Leben. Er erhält Drohbriefe und stirbt fast an Unterzuckerung, als das Insulin, das er sich täglich spritzt, manipuliert wurde. Beruflich hat er jedoch einen Volltreffer gelandet. Der Chefredakteur macht Fabians Reportage zur Titelgeschichte. Leider kommt einen Tag nach Erscheinen der aktuellen Ausgabe heraus, dass die Geschichte hinten und vorne nicht stimmt. Fabian ist auf eine falsche Fährte gelockt worden. Seine Quellen entpuppen sich als fingierte Zeugen. Dahinter steckt eine Lobbyfirma, die für einen Politiker arbeitet, der wiederum in Verbindung mit der Schadstoffentsorgungsfirma steht. Etwas Schlimmeres hätte Fabian nicht passieren können – seine journalistische Glaubwürdigkeit steht auf dem Spielt. Er bringt den Mut auf, seinen Chefredakteur zu informieren. Dieser entscheidet, die Geschichte trotz der Falschangaben nicht zurückzuziehen, da er schwere Konsequenzen für sein Magazin befürchtet. Fabians Zukunft bleibt ungewiss, da der Film an dieser Stelle endet.

„Die Lügen der Sieger“ verursacht nicht nur Herzrasen, sondern auch Kopfschmerzen. Man hat große Mühe, der in atemberaubendem Tempo erzählten Geschichte zu folgen. Zu komplex ist die Handlung, zu mannigfaltig die verschiedenen Schauplätze des Morasts, in dem sich Politik und Medien bewegen. Hochhäusler hätte gut daran getan, auf den einen oder anderen Skandal zu verzichten. Er überfordert seine Zuschauer.

Dennoch lohnt es sich, sich „Die Lügen der Sieger“ anzusehen. Vor allem wegen des Hauptdarstellers Florian David Fitz. Mit seiner Rolle des Fabian ist ihm ein überaus realistisches Porträt einer faszinierenden Figur gelungen. Man fühlt sich Fabian als Zuschauer sehr nahe, weil dieser so herrlich umperfekt daherkommt. Wir erleben ihn als karrieregeilen Macho, der für eine gute Geschichte jeglichen Skrupel ablegt. Die ihm zugeteilte Volontärin ignoriert er anfangs konsequent und behandelt sie später mit genervter Herablassung, um sie am Ende zu verführen. Seine Diabetes-Erkrankung zwingt ihn zu einem gesunden Lebensstil. Drogen- oder alkoholinduzierte Eskapaden sind für ihn ausgeschlossen. Dafür hat er ein anderes Laster: Er ist dem Spieltrieb verfallen und verschuldet sich bei nächtlichen Spielpartien in Berliner U-Bahn-Schächten oft so schwer, dass er seinen Chef um Geld anbetteln und seinen Oldtimer-Porscher verpfänden muss.

Irgendwie muss man Fabian aber trotzdem gern haben. Seine Einsamkeit ist offensichtlich. Eine Art von Beziehung hat er lediglich zu seinem Hamster. Als herauskommt, dass seine Reportage ein einziges Lügenmärchen ist, greift er in den Käfig und setzt sich das Tierchen auf die Brust. „Die Lügen der Sieger“ lebt von seinem Hauptdarsteller. Sein Gesichtsausdruck bei Auffliegen der Falschmeldung ist der Eindruck, der bleibt. Dafür muss man auch nicht die unzähligen Verwicklungen der Geschichte bis ins letzte Detail verstanden haben. Man wünscht sich lediglich, dass Fabian einigermaßen unbeschadet dem tiefen, ihn umgebenden Morast entkommt.

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